Anthropic hat am 16. Oktober 2026 untersucht, was der massive Einsatz eigener KI-Agenten mit der eigenen Belegschaft macht. Das Ergebnis ist deutlich: Der Anteil von Berufseinsteigern an den technischen Neueinstellungen ist von 27 auf 9 Prozent gefallen. Gleichzeitig arbeiten die KI-Agenten der Mitarbeiter inzwischen sechsmal so viele Stunden wie die Menschen selbst.

Der Bericht heißt How employment is changing at Anthropic und stammt von vier Ökonomen des Anthropic Institute. Er wertet interne Daten zu Personal, KI-Nutzung, Output, Kalendern, interner Kommunikation und Einstellungsentscheidungen aus und ergänzt sie um 17 Interviews mit Mitarbeitern. Ich habe alle Zahlen gegen den Originalbericht geprüft. Hier ist, was wirklich drinsteht und was nicht.

Die wichtigsten Zahlen im Überblick

Alle Werte stammen direkt aus dem Anthropic-Bericht (auch als PDF verfügbar).

KennzahlVorherNachherZeitraum laut Bericht
Junior-Anteil an technischen Neueinstellungen27 %9 %rund ein Jahr
Junior-Anteil an der technischen Belegschaft21 %14 %seit Anfang 2025
Anteil technischer Abteilungen an der Gesamtbelegschaft61 %56 %letztes Jahr
Agenten-Stunden zu Menschen-Stunden (interaktive Sessions)1:1 (alle Agenten, März 2026)6:1bis August 2026
Code-Commits pro Engineer1xca. 5xgegenüber sechs Monaten zuvor
Anteil Meta-Arbeit in Claude-Sessions10 %22 %Herbst 2025 bis Frühjahr 2026
Coding-Sessions nicht-technischer Mitarbeiter pro Monat290August 2025 bis Mai 2026
Meeting-Zeit (Median-Mitarbeiter)Basis+20 %ein Jahr
Meeting-Zeit (technische Fachkräfte ohne Führungsrolle)Basis+16 %ein Jahr
Wartezeit der Agenten auf menschlichen Inputca. 80 % der Session-Zeitaktuell

Dazu kommt eine bemerkenswerte Effizienzzahl: Fünf Jahre nach der Gründung erzielt Anthropic pro Mitarbeiter zwei- bis viermal so viel Umsatz wie Google und Meta fünf Jahre nach ihrer Gründung, inflationsbereinigt. Mehr zur wirtschaftlichen Lage des Unternehmens findest du in meinem Beitrag zum Börsengang von Anthropic.

Warum Anthropic weniger Berufseinsteiger einstellt

Junior-Stellen hatten in der Softwareentwicklung immer zwei Aufgaben: produktive Zuarbeit und bezahlte Ausbildung. Einsteiger lernten ein System kennen, indem sie kleine Bugs behoben, Tests schrieben oder Code aufräumten. Genau diese Aufgaben übernehmen bei Anthropic inzwischen Agenten.

Laut Bericht kam die Diskussion im Januar 2026 in den technischen Kernteams auf. Die Teams, die Claude am stärksten nutzten, merkten, dass sich Code schreiben und Fehlersuche immer besser auslagern ließen. Neue Modelle haben diesen Eindruck beschleunigt, besonders bei Performance-Engineers.

Die Folgen in der Personalplanung:

  • Ab Dezember 2025 gingen die Stellenausschreibungen für Juniors besonders stark zurück.
  • Bis April 2026 hatten Engineering- und Forschungsteams Stellen in den unteren Gehaltsbändern bei der Einstellung bewusst zurückgestellt.
  • In einer Umfrage im April sagte rund ein Drittel der Manager im Machine Learning und rund ein Fünftel in der Softwareentwicklung, dass sie wegen KI weniger einstellen.
  • Je komplexer die Aufgaben sind, die ein Job an Claude abgibt, desto langsamer wächst dort die Zahl der Juniors.

Was Anthropic stattdessen sucht

Anthropic hat die Bewertungsbögen aus Tausenden Vorstellungsgesprächen seit 2024 automatisiert ausgewertet. Die klarste Veränderung: 2024 erwähnten Interviewer den kreativen Umgang mit KI-Tools in rund 5 Prozent der Bewertungen für technische Rollen und in 7 Prozent für nicht-technische Rollen. Bis 2026 hat sich dieser Wert bei technischen Rollen verdreifacht und bei nicht-technischen Rollen vervierfacht.

Bei technischen Bewerbern stiegen vor allem die Kommentare zu Eigenständigkeit und Urteilsvermögen. Reines Fachwissen spielt in den Bewertungen eine kleinere Rolle. Bei nicht-technischen Rollen rücken Kunden- und Missionsorientierung nach vorn, während Ausführungsstärke an Gewicht verliert. Das Problem dabei: Urteilsvermögen entsteht normalerweise genau durch die Routinearbeit, die Einsteiger heute seltener machen.

Vom Entwickler zum Agenten-Manager

Die Agenten haben die Arbeit bei Anthropic nicht weniger gemacht, sondern anders. Ein Engineer beschreibt seinen Alltag im Bericht als "an army of Claudes, with every one asking for my attention". Das trifft den Kern: Menschliche Aufmerksamkeit ist zum Engpass geworden.

Agenten-Stunden überholen Menschen-Stunden

Im März 2026 lag die Laufzeit aller autonomen und interaktiven Agenten zusammen erstmals über den Arbeitsstunden der Mitarbeiter. Zählt man nur die Agenten, die einzelne Mitarbeiter selbst steuern, kamen sie im August auf sechsmal so viele Stunden wie ihre menschlichen Auftraggeber.

Wichtig für die Einordnung: Gemessen wird die aktive Laufzeit der Agenten inklusive Tool-Aufrufen, Sub-Agenten werden zusammengefasst. Wartezeiten über 30 Minuten zählen nicht mit. Die Menschen-Stunden sind pauschal mit 40 Stunden pro Woche und Kopf angesetzt. Ein Verhältnis von 6:1 heißt also nicht, dass ein Agent sechs Mitarbeiter ersetzt.

Fünfmal mehr Code, gleiche Qualität

Die Code-Commits pro Engineer liegen beim Fünffachen von vor sechs Monaten. Auch außerhalb der Technik steigt der Output: Juristen bearbeiten mehr Verträge, die Buchhaltung mehr Rechnungen, der Vertrieb schließt mehr Deals ab.

Um den KI-Effekt vom allgemeinen Firmenwachstum zu trennen, hat Anthropic 192 Engineers begleitet, die Coding-Agenten eingeführt haben, und sie mit 74 Engineers ohne Agenten verglichen. Nach der Einführung steigt die Menge an neuem Code deutlich. Für die Qualität wurde Code verglichen, den dieselbe Person im selben Monat im selben Verzeichnis entweder selbst oder per Agent geschrieben hat. Ergebnis: kein Unterschied bei gelöschten oder zurückgenommenen Codezeilen. Die Autoren räumen aber ein, dass KI-Fehler schwerer zu entdecken sein könnten und die Nutzer der Tools nicht zufällig ausgewählt waren.

Warten auf den Menschen

In interaktiven Sessions verbringen die Agenten rund 80 Prozent der Zeit damit, auf menschlichen Input zu warten. Und selbst bei nicht-technischen Mitarbeitern würde das bloße Lesen des gesamten Claude-Outputs mehr als die halbe Arbeitswoche füllen.

Die Antwort darauf ist sogenannte Meta-Arbeit: Mitarbeiter schreiben Spezifikationen für Multi-Agenten-Läufe, lassen Agenten die Arbeit anderer Agenten prüfen und bauen Dashboards zur Überwachung. Ihr Anteil an den Claude-Sessions stieg von 10 Prozent im Herbst 2025 auf 22 Prozent im Frühjahr 2026. Die Zahl der festen Anweisungen für Agenten wuchs innerhalb eines Jahres von einigen Hundert auf 8.500.

Mehr Meetings statt weniger

Der mittlere Mitarbeiter verbringt heute 20 Prozent mehr Zeit in Meetings als vor einem Jahr, bei technischen Fachkräften ohne Führungsrolle sind es 16 Prozent mehr. Ein Teil davon erklärt sich durch das Firmenwachstum. Der andere Teil: Strategische Fragen, Systemprobleme und Verantwortung lassen sich nicht an Agenten delegieren. Im Slack ergänzen die Agenten die menschliche Kommunikation, sie ersetzen sie nicht.

Spannend ist auch, wie flexibel die Rollen geworden sind. Mitarbeiter, die mindestens ein Jahr im Unternehmen sind, wechselten 2026 pro Monat um 50 Prozent häufiger die Abteilung als 2025. Ein Team, das früher Produkttexte für Claude.ai geschrieben hat, schreibt heute Prompts und Evals für die Agenten.

Was die Zahlen nicht sagen

Der Bericht ist ein seltener Blick in ein Unternehmen, das KI so konsequent einsetzt wie kaum ein anderes. Anthropic veröffentlicht regelmäßig Forschung über die eigene Technik, etwa die Studie zu selbstreplizierender KI. Trotzdem solltest du ein paar Punkte im Hinterkopf behalten.

Das Unternehmen wächst weiter. Anthropic hat sich im vergangenen Jahr verdreifacht. Auch die technischen Abteilungen haben in absoluten Zahlen weiter eingestellt. Vertrieb, Finanzen und Recruiting sind nur schneller gewachsen. Von Entlassungen ist im Bericht keine Rede. Der Junior-Anteil sinkt vor allem, weil anders eingestellt wird.

Es ist ein einziges Unternehmen. Ein KI-Labor an der Spitze der Entwicklung, mit starkem Wachstum und Mitarbeiterbeteiligung am Unternehmen, ist kein Durchschnittsbetrieb. Die Autoren schreiben selbst, dass sich viele Praktiken nicht auf die gesamte Wirtschaft übertragen lassen. Außerdem verkauft Anthropic genau die Technik, deren Wirkung hier gemessen wird.

KI ist nicht die einzige Erklärung für schwache Einstiegszahlen. Der Harvard-Ökonom David Deming weist im Gespräch mit NPR darauf hin, dass der Rückgang bei Junior-Einstellungen in den USA schon vor ChatGPT begann. Er sieht Remote-Arbeit als wichtigen Treiber, weil sich Einsteiger aus der Ferne schwerer einarbeiten lassen. Der Ökonom Anders Humlum beobachtet im selben Beitrag, dass gerade Firmen mit hohen KI-Ausgaben überdurchschnittlich viel einstellen.

Anthropic benennt das Kernproblem offen. Das Unternehmen hat ein Frühwarnsystem für gefährdete Rollen aufgebaut und setzt bei wegfallenden Aufgaben auf interne Versetzungen. Die Autoren schreiben aber ausdrücklich, dass keine dieser Maßnahmen den Rückgang bei Junior-Einstellungen löst. Schutz für bestehende Mitarbeiter hilft niemandem, der gar nicht erst eingestellt wird. Dafür braucht es laut Bericht zusätzlich staatliche Politik für Umschulung und Einkommenssicherung. Die offene Frage bleibt: Wenn die unterste Sprosse der Karriereleiter fehlt, woher kommen die erfahrenen Fachkräfte von morgen?

Was das für Selbstständige und kleine Unternehmen heißt

Du musst kein KI-Labor sein, um von diesen Erkenntnissen zu profitieren. Die spannendsten Beispiele im Bericht kommen gar nicht aus der Technik.

Ein Vertriebsmitarbeiter hat sich in drei bis vier Stunden ein eigenes Dashboard samt Datenpipeline gebaut, obwohl so ein Projekt nach eigener Aussage eigentlich nicht sein Fachgebiet war. Ein Account Executive hat rund 20 Prozent seiner bisherigen Aufgaben wie E-Mail-Entwürfe und CRM-Pflege an Claude abgegeben. Ein anderer konnte dadurch mit 30 Prozent mehr Kunden sprechen. Die Routine wandert zum Agenten, die Beziehung zum Kunden bleibt beim Menschen.

Für Coaches, Berater und kleine Betriebe heißt das konkret:

  • Wiederkehrende Aufgaben gezielt auslagern: Alles, was du zum zweiten Mal machst, ist ein Kandidat für Automatisierung.
  • Zeit in Urteilsvermögen und Beziehungen stecken: Genau das sucht Anthropic bei Neueinstellungen, und genau das können Agenten nicht übernehmen.
  • Für Agenten sichtbar werden: Ein Jurist bei Anthropic beschreibt seine neue Arbeit als SEO für Rechtsberatung. Er schreibt Leitfäden so, dass die KI-Agenten seiner internen Auftraggeber sie finden und nutzen.

Der letzte Punkt ist der wichtigste für deine Website. Wenn bald nicht mehr nur Menschen, sondern auch ihre KI-Agenten nach Dienstleistern recherchieren, müssen deine Inhalte für beide auffindbar sein. Genau darum geht es bei Generative Engine Optimization. Ob sich das für dich schon lohnt, habe ich im Beitrag Lohnt sich GEO wirklich? mit Zahlen durchgerechnet.

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FAQ

Wie stark ist der Anteil von Juniors bei Anthropic gesunken? Bei den technischen Neueinstellungen fiel der Junior-Anteil innerhalb von rund einem Jahr von 27 auf 9 Prozent. In der gesamten technischen Belegschaft sank er seit Anfang 2025 von 21 auf 14 Prozent.

Ersetzen KI-Agenten bei Anthropic Mitarbeiter? Der Bericht spricht nicht von Entlassungen. Anthropic hat sich im letzten Jahr verdreifacht, stellt aber anteilig weniger Einsteiger in technischen Rollen ein und setzt bei veränderten Aufgaben auf interne Versetzungen.

Was bedeutet das Verhältnis 6:1? Die Agenten, die Mitarbeiter in interaktiven Sessions steuern, laufen zusammen sechsmal so lange wie die angesetzten 40 Wochenstunden der Menschen. Das heißt nicht, dass ein Agent sechs Menschen ersetzt, denn viele Agenten laufen parallel.

Ist KI-Code bei Anthropic schlechter als menschlicher Code? Nach den internen Daten nicht. Code von Agenten wurde später nicht häufiger gelöscht oder zurückgenommen als Code derselben Person. Die Autoren weisen aber darauf hin, dass KI-Fehler schwerer zu erkennen sein könnten.

Was ist Meta-Arbeit? Meta-Arbeit ist alles, was Mitarbeiter bauen, damit Agenten gut arbeiten: Spezifikationen, Prüfschleifen, Dashboards und Dokumentation. Ihr Anteil an den Claude-Sessions hat sich von 10 auf 22 Prozent mehr als verdoppelt.

Welche Fähigkeiten sucht Anthropic heute bei Bewerbern? Vor allem Eigenständigkeit, Urteilsvermögen und den kreativen Umgang mit KI-Tools. Reines Fachwissen und Ausführungsstärke verlieren in den Bewertungen an Gewicht.