Anthropic, das Unternehmen hinter den Claude-Modellen, bereitet laut übereinstimmenden Medienberichten den womöglich größten Börsengang der Geschichte vor: Nasdaq, Mitte bis Ende November 2026, Zielbewertung rund 2 Billionen US-Dollar. Offiziell bestätigt hat Anthropic weder Termin noch Bewertung. Ich habe die kursierenden Zahlen gegen die Originalberichte von Reuters, Bloomberg, Financial Times, CNBC und Wall Street Journal geprüft. Das hier ist der belastbare Stand.

Das Wichtigste in Kürze

  • Zeitplan: Vertrauliche Einreichung des Börsenprospekts (S-1) bei der SEC am 1. Juni 2026. Die Roadshow könnte in der Woche ab dem 9. November starten, der Handelsstart vor Thanksgiving (26. November) liegen.
  • Bewertung: rund 2 Billionen US-Dollar – gut das Doppelte der 965 Milliarden aus der Finanzierungsrunde im Mai. Das Emissionsvolumen soll bei etwa 100 Milliarden US-Dollar liegen.
  • Banken: Morgan Stanley, Goldman Sachs und JPMorgan führen das Konsortium.
  • Q3 2026: 16,8 Milliarden US-Dollar Umsatz (Q2: 11,6 Mrd., Q1: 4,7 Mrd.), also rund +45 % zum Vorquartal – bereinigt profitabel und mit positivem Cashflow.

Die Zahlen: rasantes Wachstum, hohe Buchverluste

Laut dem von Reuters eingesehenen Prospektentwurf hat Anthropic seinen Umsatz 2025 auf knapp 4,6 Milliarden US-Dollar verzwölffacht. Unterm Strich steht trotzdem ein Nettoverlust von rund 42 Milliarden. Der größte Teil davon (etwa 34 Milliarden) ist allerdings kein abgeflossenes Geld, sondern eine Neubewertung von Wandelanleihen, die durch die gestiegene Unternehmensbewertung ausgelöst wurde. Der operative Verlust lag bei 8,06 Milliarden US-Dollar. Allein für Rechenleistung und Infrastruktur gab Anthropic 2025 rund 7,33 Milliarden aus – mehr als den gesamten Jahresumsatz.

2026 hat sich das Bild gedreht: Auf das Q3 hochgerechnet ergibt sich eine Umsatz-Run-Rate von etwa 67 Milliarden US-Dollar. Für 2028 stellt das Management laut Reuters-Quellen 190 bis 200 Milliarden in Aussicht. Treiber ist das B2B-Geschäft: Schon im April zahlten über 1.000 Unternehmen jeweils mehr als 1 Million US-Dollar pro Jahr für Claude – doppelt so viele wie im Februar.

Die 518-Milliarden-Dollar-Frage

Der brisanteste Punkt im Prospekt: Anthropic hat sich verpflichtet, über rund zehn Jahre mindestens 518 Milliarden US-Dollar für Cloud, Chips und Rechenzentren bei sechs Partnern auszugeben. Etwa 80 % davon sind zu zahlen, egal ob die Kapazität genutzt wird.

  • Broadcom (Equipment-Leasing): ca. 161,2 Mrd.
  • Google: mind. 111,1 Mrd.
  • Amazon: 110 Mrd.
  • Microsoft: 31,4 Mrd.
  • xAI (Nvidia-Kapazität): bis zu 84,5 Mrd., größtenteils mit 90 Tagen Frist kündbar
  • AMD: über 20 Mrd.

Zum Vergleich: Ende 2025 hatte Anthropic rund 20 Milliarden US-Dollar an liquiden Mitteln. Dazu kommt ein Klumpenrisiko – zwei Kunden standen 2025 für fast ein Viertel des Umsatzes.

Governance: Wer hat nach dem IPO das Sagen?

Anthropic bleibt eine Public Benefit Corporation. Die sieben Mitgründer bündeln ihre Stimmen in einer „Founder LLC“, die über eine einzige Class-F-Aktie 50,1 % der Stimmrechte bei zentralen Entscheidungen hält. Vier von sieben Board-Sitzen besetzt der unabhängige Long-Term Benefit Trust. Rund 80 der 261 Prospektseiten sind Risikofaktoren – inklusive der Warnung, fortgeschrittene KI könne katastrophale oder existenzielle Risiken für die Menschheit bergen.

Bull vs. Bear

Die Optimisten: Kein Unternehmen ist so schnell auf diese Umsatzgröße gewachsen. Gemessen an der 2028er-Prognose läge das Kurs-Umsatz-Verhältnis bei rund 10.

Die Kritiker: Das Analysehaus New Constructs nennt den Deal den „lächerlichsten Börsengang 2026“ und taxiert den fairen Wert auf nur rund 150 Milliarden US-Dollar. Dieselbe Einordnung gab es 2019 für WeWork – allerdings auch 2020 für DoorDash, das sich seitdem gut entwickelt hat. PitchBook sieht starkes Wachstum, aber keine Rechtfertigung für 2 Billionen.

Und OpenAI?

Sam Altman hat einen Börsengang 2026 im September ausgeschlossen und peilt 2027 an. Anthropic dürfte damit als erstes großes KI-Labor an die Börse gehen – und zum Stimmungstest für die ganze Branche werden.

Können Anleger in Deutschland schon investieren?

Direkt erst ab dem Handelsstart. Seit dem 13. Oktober gibt es an der Wiener Börse (Vienna MTF) das 21Shares Anthropic Synthetic ETP (Ticker CLAU, ISIN CH1606386675). Wichtig: Das Produkt bildet die Bewertung synthetisch über Swaps ab, Referenz sind Perpetual-Futures auf Binance. Es gibt keine Aktien, keine Stimmrechte, und Anthropic steht nicht dahinter. Kosten: 1 % TER plus 2 % Exit-Gebühr.

Fazit

Anthropic liefert ein Wachstum, das es so noch nicht gab – und geht gleichzeitig Verpflichtungen ein, die es so ebenfalls noch nicht gab. Ob 2 Billionen gerechtfertigt sind, entscheidet sich an einer Frage: Wächst der Umsatz schneller als die Rechnung für die Rechenleistung? Klarer wird das mit dem öffentlichen Prospekt, der vor der Roadshow erwartet wird.

Hinweis: Keine Anlageberatung. Viele Zahlen stammen aus dem geleakten Prospektentwurf und aus Insider-Berichten und sind von Anthropic nicht offiziell bestätigt.